Gegenüber im Gespräch: Matthias Brandt im Interview

In den vergangenen Jahren hat sich Matthias Brandt (Jahrgang 1961) zu einem der viel beschäftigsten und besten deutschen Charakterdarsteller gemausert. Der Durchbruch kam sicherlich 2003 mit dem Fernsehfilm Im Schatten der Macht, in dem er Günter Guillaume, den einstigen Gegenspieler seines Vaters Willy Brandt, darstellte. Der Adolf-Grimme- und Bayerischer-Fernsehpreisträger spielt in seinem neuen Film Gegenüber einen Mann, der von seiner Frau verprügelt wird. Im FILMSTART-Interview spricht Matthias Brandt über diese schwierige Rolle, über sein Arbeitspensum und über die Schauspielerei im Allgemeinen.

Sie spielen einen körperlich starken Mann, der sich von seiner schwächeren Frau ohne Widerrede verprügeln lässt. Was hat Ihnen geholfen, sich in diese Rolle einzufinden?

Als ich mit diesem Projekt und der Rolle in Berührung kam, war ich natürlich auch erst einmal verwundert über diesen Vorgang, muss ich sagen, weil mir das in dieser Form einfach nicht so präsent war. Das machte dann aber auch einen Teil meines Interesses aus, mich überhaupt damit zu beschäftigen. Das Phänomen der geschlagenen Männer haben wir einfach nicht so auf dem Schirm, wie eben die andere Variante „Mann schlägt Frau“.

Ich war verwundert, aber es war mir dann relativ klar, dass es sich dabei nicht um etwas handelt, das mit körperlicher Kraft zu tun hat, sondern sehr komplizierte psychische Prozesse und auch psychische Gewalt vorausgehen, die dann eben dazu führen, dass so jemand sich nicht wehrt. Aber das war in der Tat etwas, in das ich mich zunächst sehr stark hineindenken und reinfühlen musste. Wie man das dann zu tun hat in solchen Fällen, habe ich recherchiert. Jan Bonny, der ja auch das Buch geschrieben hat, hatte sehr umfangreiche Vorarbeit geleistet dafür. Dann bin ich auch tatsächlich in meinem Bekanntenkreis jemandem begegnet, der in einer solchen Situation lebt. Das hat mir auch sehr geholfen.

Sehen Sie eine besondere Relevanz für die Geschichte, dass dieser Georg Polizist ist?

Ich glaube, dass die Idee dahinter, die beiden als Polizist und Lehrerin als zwei Stereotype bürgerlicher Berufe zu nehmen, dafür der Hauptimpuls war. Für mich war das immer ein Synonym für Normalität, was durchaus beabsichtigt war.

Also jetzt noch nicht einmal eine zusätzliche Komponente dadurch, dass er ständig mit dem Gesetz in Kontakt ist und auch mit Gewalt häufiger zu tun hat?

Das ist wohl war. Und auch der soziale Druck innerhalb seiner Arbeitswelt ist meiner Meinung nach verschärft. Interessant an seinem Beruf ist, dass die Hürde, sich zu outen, noch mal höher gesetzt wird, weil, was wir dann ja auch sehen, das Sich-Outen gleichbedeutend ist mit dem Verlust seines Berufs und in dem Sinn seiner bürgerlichen Existenz. Ein Polizist, der sich zu Hause schlagen lässt, ist nicht tragbar.

Sie haben ein enormes Arbeitspensum, allein in den letzten zwei Jahren sind Sie in zwanzig Kino- und Fernsehfilmen aufgetreten. Trotzdem sagen Sie, dass Sie sich immer intensiv auf Ihre Rollen vorbereiten wollen. Wie schaffen Sie das zeitlich, wo es doch sicherlich das eine oder andere Mal sogar zu Drehüberschneidungen kommen dürfte?

Na ja, ich gehöre ja nicht zu den Schauspielern, die sagen, sie spielen nur Hauptrollen. Wenn mir das Projekt interessant erscheint oder ich Lust auf die entsprechenden Konstellationen oder Kollegen habe, dann gehe ich manchmal auch für gerade mal drei Drehtage an einen Filmset.

Aber gerade in der letzten Zeit waren es doch schon überwiegend Hauptrollen…

Das ist wohl wahr. Aber, es ist natürlich ein großer Unterschied, ob man 28 Tage oder drei Tage an einem Set verbringt, insofern relativiert sich die Zahl etwas. Womit Sie aber Recht haben, ist, dass ich relativ viel gearbeitet habe, woran ich immer gewöhnt war (lacht), vielleicht sozusagen durch das alte Theatertier in mir, denn am Theater habe ich auch immer fünf große Rollen gespielt im Jahr. Ich arbeite eben gern, und ich arbeite auch gern viel. Sie haben aber auch recht damit, dass man darauf achten muss, denn das ist eine Schlagzahl, die man nicht immer fahren kann. In diesem Jahr habe ich mein Arbeitspensum beispielsweise deutlich reduziert, weil mir einfach nicht so danach war. Ich wollte eben auch diese Gründlichkeit haben. Gerade habe ich einen Film abgedreht mit Hans Steinbichler und jetzt kommt erst einmal eine große Pause. Diese Sorgfalt, mit der ich mich meinen Rollen widme, die möchte ich mir tunlichst bewahren.

Gerade läuft ja Katz und Maus wieder im Kino, die Grass-Verfilmung aus den 60er Jahren, in der ihre Brüder Peter und Lars mitgespielt haben. Kann man behaupten, die Schauspielerei läge in Ihrer Familie im Blut?

Ich bezweifle mal, dass man bei den beiden davon sprechen kann, weil die damals, glaube ich, 15 und 18 Jahre alt waren und die Schauspielerei danach nie weiterverfolgt haben, also der Impuls kann nicht so stark gewesen sein. Ich glaube, dass dieser Entschluss, das zum Beruf zu machen, tatsächlich nur bei mir bestanden hat. Das ist für mich sehr amüsant, die beiden zu sehen in diesem alten Film. Dass ich Schauspieler geworden bin, ergab sich auch nicht aus unserer Situation zu Hause heraus, das war dort nicht so präsent. Man sucht sich das dann. Bis man mal an einem Punkt angelangt ist, an dem man sich selbst ohne rot zu werden sagen kann „Ich bin jetzt Schauspieler“ – das ist ein weiter Weg. FB

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