Zu extrem für den Durchschnitt: Katharina Thalbach im Interview

Für Katharina Thalbach war der Weg als Tochter eines Theaterpaares vorgezeichnet: Schon als Kind stand sie auf der Bühne. Sie spielte als eine der ersten DDR-Schauspielerinnen auch in westdeutschen Theater-Produktionen. Spätestens seit der intensiven Darstellung im Drama Engel aus Eisen (1980) zählt sie auch zu den gefragtesten Film- und Fernsehschauspielerinnen. Mühelos bedient sie jedes Fach: leichte Komödie, klassische Tragödie, Kinderfilm oder Gegenwartsdrama wie Strajk, für den sie den Bayerischen Filmpreis erhielt. Die Rolle der Frau Moll in Du bist nicht allein (Kinostart: 19.07.2007) wurde ihr von Regisseur Bernd Böhlich auf den Leib geschrieben.

Sie sind häufig im Film und Fernsehen zu sehen, spielen und inszenieren am Theater – anders als für die Figuren in Du bist nicht allein ist Arbeitslosigkeit für Sie kein Thema.

Ja, gottlob! Ich kenne das Thema aber durch Betroffene im Freundes- und Bekanntenkreis, und gerade wenn es Menschen betrifft, die man gern hat, ärgert man sich natürlich und versucht irgendwie zu helfen. Ich habe meine erste Regie schon mit 33 Jahren gemacht und bin heute irrsinnig froh, dass ich dieses zweite Standbein habe. Einerseits ist Spielen nach einer Inszenierung die reinste Erholung – denn dann bin ich in erster Linie wieder mir selber verantwortlich –, und andererseits schafft dieses andere Standbein eben auch Freiheiten. Auf gut deutsch: Ich bin nicht gezwungen, Anderen andauernd in den A… zu kriechen.

Glauben Sie, der Anpassungsdruck beim Film ist generell größer als am Theater?

Teils, teils. Abgesehen davon, wo man sich selbst gerade befindet und mit Druck umgeht, hat das in erster Linie mit der entsprechenden Produktionsfirma und beim Fernsehen mit den Redakteuren zu tun. Da gibt es schon manchmal erschreckende Abhängigkeiten. Das habe ich auch schon erlebt, als ich mal eine Fernsehkommissarin gespielt habe (Die Quittung, im ZDF 2004; die Red.). Das lief ganz gut, aber aus der Idee, das als Reihe weiterzuführen, wurde nichts, weil ich als ziemlich extreme Person galt, die für das „normale“ TV-Publikum nicht zumutbar war.

Bereitet Ihnen der Wechsel von Film zu Theater und umgekehrt Mühe?

Nein, der ist eine Bereicherung, so kommt nie Routine auf. Und vor allem relativiert sich alles, denn so eine Theater- und Filmcrew hält sich ja gerne für den Nabel der Welt. Durch den Wechsel gewinnt man eine gewisse Form der Demut.

Bernd Böhlich hatte für Du bist nicht allein zuerst einen grimmigeren Drehbuchentwurf, der so zornig stimmen sollte, dass man als Zuschauer am liebsten Steine werfen will. Er hat sich dann aber für eine weniger deprimierende, leichtere Fassung entschieden.

Ich habe das gehört, aber was ich gelesen hatte, war nicht sehr verschieden von dem, wie der Film jetzt aussieht. Und leichter: Na ja, es gibt ja kein Happy Ending, das Paar trennt sich. Die von mir gespielte Frau Moll weiß, sie kann nichts erzwingen. Sie lernt, mit der Trauer umzugehen und das Unabänderliche zu akzeptieren – und das Leben im altmodischen Sinne heiter zu nehmen. Ich habe die Figur jedenfalls von Anfang an sehr gemocht, gerade auch, dass sie ihrem Mann keine große Szene macht, sondern alles mit einer noblen Haltung meistert – „generös“, wie man in Frankreich sagt. Böhlich schreibt keine „technischen“ Drehbücher, sondern beschreibt auch die gedanklichen Vorgänge der Figuren so, dass man sich sehr schnell in sie hinein versetzen kann. Er beobachtet Leute sehr genau, beschreibt deren Stärke, mit ihren jeweiligen Schwächen umzugehen. Das ist für mich die besondere Qualität, auch beim nächsten gemeinsamen Film.

Sie drehen wieder gemeinsam? Wahrscheinlich, wenn Sie Theaterferien haben?

Ja genau, schon Ende Juni in Thüringen. Da spiele ich dann aber eine Frau, für die es wirklich knüppeldick kommt, die einen Schicksalsschlag nach dem anderen aushalten muss, die aber „Stehauffrauchen“ ist und sich weigert, ohne Liebe zu leben. Sophie Rois wird meine beste Freundin spielen. Männer gibt es auch, einen zumindest. MPH

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